Projekt des Monats April 2012

Contracting ist längst kein Mysterium mehr. Vor allem bei gewerblichen Immobilien und der öffentlichen Hand – also zum Beispiel Bürohäuser, Rathäuser oder Schulen – ist Contracting inzwischen ein bewährtes Instrument, um die Energieeffizienz durch Modernisierung der Haustechnik von der Beleuchtung bis zur Heizung zu steigern. Aber privat genutzte Immobilien? Deshalb gehört das Hochhaus der Eigentümergemeinschaft Rhönstraße 2 in Heiligenhaus im Bergischen Land, wo der Austausch der 40 Jahre alten Heizungsanlage durch ein modernes Blockheizkraftwerk (BHKW) mit Erdgas als Energieträger per Contracting realisiert wurde, doch eher noch zu den Exoten.
Die alte Heizungsanlage entsprach angesichts der steigenden Energiepreise nicht mehr ökonomischen Bedürfnissen, zudem waren die zwei Kessel mit jeweils 400 kW auch nach ökologischen Kriterien nicht mehr zeitgemäß.

Die Heiligenhauser Eigentümergemeinschaft mit 48 Wohneinheiten auf zwölf Etagen ließ sich schon früh durch den beauftragten Fachplaner, das Ingenieurbüro HTP Chini aus Velbert überzeugen, dass bei der Sanierung der 40 Jahre alten Kesselanlage der Einsatz eines BHKW wirtschaftlich sinnvoll sei. Mit Fertigstellung der Detailplanung wandte sich die Eigentümergemeinschaft im Herbst 2010 an die EnergieAgentur.NRW, um neben der „Eigenlösung“ sich über weitere Alternativen zur Projektrealisierung und Finanzierung beraten zu lassen.

Viele Gründe sprachen für eine Umsetzung mittels „Contracting“. Vor allem sah die Eigentümergemeinschaft vor, die Rücklagen für die Sanierung der Fassade zu nutzen – und nicht in eine neue Heizungsanlage zu investieren. "Und wesentliches Argument ist, dass Betrieb und Wartung der Heizungsanlage für die nächsten Jahre vom Contractor übernommen werden, sich die Eigentümer darum also nicht kümmern müssen", erklärt Dipl.-Ing. Christian Tögel von der EnergieAgentur.NRW. Mit Übertragung der Ausschreibung, Bauleitung, Finanzierung und Betrieb der Anlage auf ein Fachunternehmen wurden die Verantwortlichkeiten klar geregelt, Kosten- und Zeitpläne im Vorfeld definiert und so maximale Planungssicherheit für die Eigentümergemeinschaft gewährleistet.

Auf Empfehlung der EnergieAgentur.NRW wurden mehrere Unternehmen zur Abgabe eines Angebots aufgefordert. Den Unternehmen wurden nicht nur die Planungsunterlagen, sondern – im Sinne der Vergleichbarkeit – auch Bedarfsmengen, Qualitäts- und Terminvorgaben übergeben. Über das Vergabekriterium der niedrigsten Jahresenergiekosten konnte die Fernwärmeversorgung Niederrhein GmbH (FN) aus Dinslaken die Ausschreibung gewinnen.
Nach Angaben der Fernwärme Niederrhein wurde das Versorgungskonzept noch weiter optimiert. Auf Wunsch der Eigentümergemeinschaft wurde allerdings darauf verzichtet, die dezentrale elektrische Warmwasserbereitung auf eine zentrale Lösung umzustellen. Neben der Heizwärmeerzeugung trägt deshalb nur das regelmäßig genutzte hauseigene Schwimmbad mit 90 Kubikmetern zur Auslastung des BHKW bei.

Im August 2011 wurden die beiden alten Kessel der Fa. Rheinstahl Hilden aus dem Jahre 1971 demontiert. Schon fünf Tage später war der neue Brennwert-Kessel, Fabrikat Remeha, mit 395 kW Leistung und zwei 750 Litern Pufferspeicher betriebsbereit, obwohl die notwendige Kaminsanierung über zirka 39 Meter und eine maximale Einbringöffnung von nur zirka 90 Zentimetern eine technische Herausforderung dargestellt haben. Beim BHKW hat die Fernwärme Niederrhein sich für ein Modul der KW-Energie mit einer elektrischen Leistung von 12 kW entschieden.

Die Inbetriebnahme des BHKW verzögerte sich allerdings etwas aufgrund von Abstimmungen zur elektrischen Einbindung mit dem örtlichen Versorger. Das Hochhaus ist über eine Parallelleitung an das Stromnetz angeschlossen. Über jede Leitung werden je 24 Wohneinheiten versorgt. Da die BHKW-Leistung nicht zur elektrischen Versorgung aller Bewohner ausreicht, entschied man sich schlussendlich für den Anschluss der Allgemeinstromverbraucher an das BHKW. Daraufhin wurde ein neuer Schaltschrank installiert, über den nun eine der beiden Hausanschlussleitungen „geschliffen“ ist und der das Einspeisefeld und alle Stromkreise „Allgemeinstrom“ beinhaltet. Die Fernwärme Niederrhein prognostiziert, rund 80 Prozent des Allgemeinstroms aus dem BHKW decken zu können.
Die Zuverlässigkeit bzw. gelungene hydraulische Einbindung mit zwei Pufferspeichern mit je 750 Liter hat das BHKW bereits bewiesen. So beträgt die bisher längste Laufzeit mit einem Start über 900 Stunden!

Standard ist inzwischen die Anlagenkontrolle per Datenfernübertragung. Per Internet kann der Anlagenbetreiber in Dinslaken oder per Smartphone die aktuellen Parameter ablesen. Sollte einmal eine Störung auftreten, gewährleistet die automatische Benachrichtigung an die ständig besetzte Schaltleitung der Fernwärme Niederrhein eine Info an den Wartungsdienst, so dass dieser bereits unterwegs ist, bevor die Bewohner frieren müssen.

In weiteren Modernisierungsschritten soll die Fassade des Hochhauses wärmeisoliert werden. Der U-Wert liegt dann unter 0,2 W/(m²·K).
Projektbeteiligte neben der EnergieAgentur.NRW:
Eigentümergemeinschaft:
Rhönstraße 2, 42579 Heiligenhaus, Wilfried Rentmeister,
rentmeister-heiligenhaus@t-online.de
Planung:
Peter Chini, HTP Haustechnik Velbert, htp-peter-chini@t-online.de
Vertretung der Eigentümergemeinschaft und Abrechnung:
Hausverwaltung Bethke GmbH, Heiligenhaus, mail@hausverwaltung-bethke.de
Contractor:
Fernwärmeversorgung Niederrhein GmbH, a.johann@fernwaerme-niederrhein.de
Anlagenbau:
Bad & Heizung Wübbelt GmbH, Bottrop, wuebbelt@badundheizung.de
BHKW-Modul:
KW Energie GmbH & Co. KG, Freystadt, NRW-Vertretung Nisius Wärmetechnik, nisius@t-online.de
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