News vom 07.05.2012
Ein Leben ohne Elektroherd, Kühlschrank, Licht und warmes Wasser – für die Menschen in 120.000 Haushalten in NRW ist das im Jahr 2010 Alltag gewesen. Steigende Energiepreise stellen für viele einkommensschwache Privathaushalte eine schwere Belastung dar. Laufen die Stromkosten aus dem Ruder, droht eine Energiesperre, wie eine Umfrage der Verbraucherzentrale NRW unter den Energiegrundversorgern zeigte. Fast drei Viertel der in Nordrhein-Westfalen ansässigen Energieunternehmen stellen wachsende Probleme rund um Energieschulden fest. „Die große Zahl von Verbraucherinnen und Verbrauchern, die ihre Energierechnung nicht zahlen können, rüttelt auf: Wir müssen den Menschen helfen, die am stärksten unter hohen Energiekosten leiden und ihnen auch Perspektiven anbieten, etwa in Form von Energieeinsparmaßnahmen. Ein Alltag ohne Strom ist ein alarmierender Zustand, den wir verhindern müssen“, sagte Verbraucherschutzminister Johannes Remmel.
Vollständige Energiesperren verschärfen die finanzielle Not der betroffenen Privathaushalte: Mahnungen und die Wiederherstellung der Energiezufuhr treiben die Kosten weiter hoch. „In diesen Notlagen bedarf es kompetenter Beratung für die Verbraucherinnen und Verbraucher. Beispielsweise bei der Erarbeitung eines Zahlungsplans mit dem Energiedienstleister oder durch die Übernahme der Energieschulden im Wege eines Darlehens durch das Jobcenter oder das Sozialamt“, so Minister Remmel. Daher wird das Verbraucherschutzministerium in der zweiten Jahreshälfte 2012 für Energieschuldnerinnen und Energieschuldner ein Landesprojekt auf den Weg bringen: Beratungen zur Existenzsicherung und Beratungen zum Energiesparen sollen konkrete Hilfe bieten.
Beginnend zum 1. Oktober 2012 sollen zunächst in fünf Standorten unter der Organisationsverantwortung der Verbraucherzentrale NRW Netzwerke und Budgetberatungsangebote zum Umgang mit Energieschulden unter Beteiligung kommunaler Energieversorger aufgebaut werden. Weitere drei Standorte sollen im Jahre 2013 folgen.
Bei der aufsuchenden Beratung zum Energiesparen sollen neben der VZ NRW auch auf die Erfahrungen und Kompetenzen der Caritas zurückgegriffen werden. Grundidee des Caritas-Projektes Stromspar-Checks ist, dass geschulte Stromsparhelfer selber aus einkommensschwachen Haushalten kommen und so die Nöte, Ängste und Befürchtungen leichter nachvollziehen können. Gleiche Augenhöhe ist ein wichtiges Anliegen im Projektkonzept. Der Caritasverband ist zurzeit im Gespräch mit der Agentur für Arbeit, um eine aufsuchende Energieberatung in einkommensschwachen Haushalten zu realisieren. Das Projekt „NRW bekämpft Energiearmut“ soll voraussichtlich bis Ende 2015 laufen. Das Verbraucherschutzministerium stellt in dieser Zeit allein für die Budget- und Rechtsberatung Finanzmittel in Höhe von bis zu 1,5 Millionen Euro zur Verfügung. Mit den organisatorischen Vorarbeiten wird die Verbraucherzentrale bereits vor der Sommerpause beginnen.
„Insbesondere die Stadtwerke vor Ort möchte ich ermuntern, den Kontakt zur Verbraucherzentrale NRW in den nächsten Wochen herzustellen, um mögliche Kooperationen bei Beratungsangeboten auszuloten“, forderte Remmel. „Es gibt gute Vorbilder: Die Stadtwerke Wuppertal und die VZ NRW haben offene Sprechstunden und einen schnellen Zugang zu einer qualifizierten Budgetberatung angeboten und einkommensschwachen Verbraucherinnen und Verbraucher so schnell geholfen“, so Remmel.
Die Kooperation der Stadtwerke Wuppertal und der VZ NRW, die vor einem Jahr gestartet wurde, klärt Ratsuchende mit Energieschulden schnell auf. „Das Problem säumiger Kunden, die ihre Energierechnungen nicht mehr bezahlen können, betrifft die ganze Branche. Wir wollten uns diesem Problem aber anders nähern als ausschließlich durch Mahnungen und Sperrungen. Darum haben wir als WSW Energie & Wasser AG gemeinsam mit der Verbraucherzentrale die Beratung für Energieschuldner aus der Taufe gehoben. Der Erfolg des Projektes freut uns sehr und ermutigt uns, auf diesem Wege weiterzugehen“, so Andreas Feicht, Vorstandsvorsitzender der Wuppertaler Stadtwerke. Die praktischen Erfahrungen aus Wuppertal sollen auch in das geplante landesweite Modellvorhaben einfließen.
„Wer Energiearmut vermeiden möchte, muss präventiv tätig werden und die Budgetkompetenz sowie das Energiewissen der Verbraucherinnen und Verbraucher stärken. Das hohe Interesse, die finanzielle Bereitschaft von Energieversorgungsunternehmen sowie die politische Unterstützung sind ermutigende Anstöße, um Schritt für Schritt nötige Information und Hilfe für Ratsuchende flächendeckend in Nordrhein-Westfalen anzubieten“, sagte Klaus Müller, Vorstand der Verbraucherzentrale NRW.
„Das Projekt Stromsparcheck verbindet Klimapolitik (Reduzierung von CO2-Emissionen), Sozialpolitik (Kostenersparnis für die Bezieher von Sozialleistungen), Bildungspolitik (Sensibilisierung einkommensarmer Haushalte für effiziente Energienutzung) und schließlich auch Arbeitsmarktpolitik (Qualifizierung von Langzeitarbeitslosen). Ein guter und notwendiger Ansatz, damit auch arme Menschen in Deutschland am Stromnetz bleiben können, denn die Regelsätze decken die bekannten und tatsächlichen Stromkosten nicht ab“, sagte Diözesan-Caritasdirektor für das Erzbistum Köln, Dr. Frank Joh. Hensel.
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